Ein Leben nach dem Buyback

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Blendend schoss der Lichtstrahl durch das Fenster und brachte ihn dazu die Augen zusammenzukneifen. Nur wenige Sekunden, in denen sein Verstand abwägte, wie er sich am besten aus der Schusslinie bringen konnte. Das kleines Appartement mit den ramponierten Möbeln bot keinen nennenswerten Schutz. Selbst ein Sprung hinter die schäbige Couch würde nicht einmal eine Mower abhalten. Geschweige denn größere Kaliber. Er atmete geräuschvoll aus und seine Nasenflügel blähten sich unter dem kontrollierten Atemzug. Lange genug hatte er im Feld überlebt, um seine Reflexe nicht in jeder Situation übernehmen zu lassen. Heute jedoch war es besonders schwer. Die Verkehrsdrohne setzte unterdessen ihren Weg fort und der Lichtkegel, der zufällig über das Fenster gestreift war, flackerte unstet über die restlichen Gebäude des Molochs, der sich hochtrabend Global City Shangri-La nannte. Er schnaubte. Paradies. Wieder so ein Euphemismus, um der öden und leeren Hülle nach Außen ein leuchtendes Aussehen zu verleihen. Ein Versuch, Touristen und Besucher herzulocken um die maroden Stadtkassen aufzubessern. Jedenfalls vermutete er das. Seit Gründung der Siedlung waren mehr als zweihundert Jahre vergangen. Vielleicht waren die Beweggründe der Gründerväter anno knack ganz andere. Vielleicht wollten sie wirklich ein Paradies schaffen. Ein Außenposten, der hier auf Tibet Prime eine Besonderheit unter den Lebensräumen darstellen sollte. 'Pustekuchen' dachte er bei sich und drehte sich bedächtig um.

Den Weg durch das Dunkel des Wohnzimmers legte er ohne Mühe zurück und blieb angelehnt an den Türrahmen zum Schlafzimmer stehen. Innerlich schalt er sich, etwas mit einer Unfreien anzufangen. Er wusste nicht einmal, ob ihr Konzern etwas dagegen hatte, wenn sie außerhalb der natürlichen Grenzen vögelte. Und ganz sicher hatte er nicht vor ein Kind mit ihr in die Welt zu setzen, das dann ebenfalls in den Sklavenstand überging. Dafür hatte er sich nicht freigekauft. Dafür hatte er sich nicht eine "Karriere" als Schmuggler aufgebaut. Er brummte leise. Aber sie war einfach zu süß und der Synth-Alkohol einfach zu reichhaltig gewesen. Im fahlen Mondlicht, das durch das Fenster hineinströmte, konnte er trotz seiner guten Augen nur ihre Silhouette ausmachen.

Das Laken umspielte ihre Kurven und nur ihr weißes Hinterteil mit dem schwarzen Stummelschwänzchen lugte hervor und bot einen scharfen Kontrast zu den Graustufen des restlichen Raums. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie irgendetwas zur Fellpflege benutzen musste, um das Weiß selbst in widrigen Lichtverhältnissen klar hervorstechen zu lassen. Wahrscheinlich diese neue Spülung, die sie in letzter Zeit ständig im Cube bewarben. 'Eitel und dämlich im Einsatz' dachte er und für einen Moment überlagerte der Gedanke die erregenden Bilder, die bei ihrem Anblick zwangsläufig vor seinem inneren Auge abliefen. Ihre festen Brüste, die, nur von einem feinen weißen Fell bedeckt, über seinem Gesicht wippten. Die muskulösen Oberschenkel, die sich fest um seinen Körper schlossen und ihr Blick, der verklärt und voller Erregung aus den dunklen Flecken um ihre hellgrauen Augen auf ihm ruhte während sie ihn ritt. Die Hitze der letzten Nacht flammte wieder in seinem Schoß auf und er brummte wohlig, fragte sich, wie Menschen dieses felllose Leben nur führen konnten. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ er sich blenden. Etwas, das ihm vor zwei Jahren nicht passiert wäre. Das leise Klicken des Türschlosses kam nur verzögert in seiner Wahrnehmung an. Einen Moment nachdem er realisierte woher das Geräusch rührte, hörte er auch schon den charakteristischen Aufschlag eines kleinen, harten Gegenstandes auf dem quietschenden Dielenboden. Ein Geräusch, das er dutzende Male vernommen, und noch häufiger verursacht hatte.

‚Fuck‘ er explodierte in einer Bewegung, die man dem massigen Körper nicht zugetraut hätte und schoss auf das Bett zu. Im selben Moment rollte sich seine lose Bettbekanntschaft, nackt wie der Konzern sie schuf, vom Bett und verschwand für zwei Sekunden aus seinem Blickfeld, bevor er ebenfalls über das Bett ge­hechtet war und halb auf ihr zum Liegen kam. Etwas hartes, kaltes drückte sich in seinen Leistenbereich und er war sich sicher, dass sie ihm den Unterleib komplett wegpusten könnte. Die schwere Pistole, eine Hole, hatte er selbst gerne benutzt und sie hatte ihren Namen nicht umsonst. Kühl und kalkulierend blickte sie ihn an und er wusste, dass sie nicht auf die Granate, sondern auf seinen plötzlichen Ausbruch reagiert hatte. Glücklicherweise polterte eine zweite Ananas in das Wohnzimmer und ihr kleines rundes Ohr zuckte, wie zur Bestätigung, in die Richtung. Ihre hellen Augen huschten zur Tür, dann ließ der Druck gegen seine Lenden nach und sie nickte einmal kurz. Behende glitt seine Hand unter das Bett. Bevor er jedoch seine eigene Pistole, aus ihrem am Rahmen befestigten Holster befreien konnte, explodierte die erste Granate und hob den Lattenrost und die Matratze in einem Splitterregen über sie hinweg. Er riss die Waffe aus dem Halfter und rollte sich von der schwarzweißen Schönheit herunter, die ihrerseits hochschnellte und ihm Deckung geben wollte. Er riss sie wieder runter und dreht sich einmal um sie herum, sodass er sich zwischen ihr und der Tür befand. Die zweite Detonation zerriss die Stille der Nacht und er biss die Zähne zusammen, als die Splitter seinen Rücken perforierten. Mit einem unterdrückten Grollen drückte er sich hoch und hechtete neben die Tür. Blut rann in dicken Schlieren über seinen Rücken und färbte das Fell dunkelrot. Zähne bleckend wartete er ab.

Wie in Zeitlupe schob sich der charakteristische Lauf einer Repeater durch die Tür. Nach nur wenigen Sekunden schob sich der behandschuhte Arm einer Gardeursuniform in sein Sichtfeld. Mit berechnendem Kalkül visierte er mit seiner Waffe einen Punkt oberhalb des unteren Türscharniers an und zählte von drei rückwärts. Im selben Moment, in dem sich das Knie des Angreifers in die Tür stellte, feuerte er die schwere Pistole ab und riss mit seiner Pranke am Lauf des Sturmgewehr, so dass der Eindringling in den Raum stolperte. Seine Bettgeschichte war weniger kompromissbereit und baute sich in voller Schönheit auf, feuerte zwei Schuss aus ihrer Waffe in die Brust des Gardeurs und rollte sich zur Seite. Rumpelnd brach der Mann über dem zerfetzten Bettgestell zusammen, das krachend weiter in sich zusammen brach. Er seufzte und ging in die Hocke. Sie konnte noch nicht lange aus ihrem Tank raus sein. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass der Gardeur ein Nachtsichtgerät trug. Er fluchte unterdrückt. Damit war der Vorteil der Dunkelheit dahin. Offensichtlich waren die Angreifer vorbereitet. Er blickte nach links und sah wie Mao Xing - war das ihr Name? - hinter seinem Sessel Stellung bezogen hatte und auf die Tür anlegte. Damit war er in der Schussbahn, sollte er sich dazu entscheiden, weiterhin hier zu kauern. Er witterte und nahm den Geruch von mindestens drei unterschiedlichen Personen wahr. Der Gestank des Toten, der durch sein Ableben seine Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle hatte, überlagerte die Witterung beinahe. Ohne aufzusehen hielt er zwei Finger in ihre Richtung nach oben und lauschte.

Seine runden Ohren zuckten, als er ein metallisches Pling hörte. Ohne nachzudenken, übergab er seine Handlungen diesmal an seine Reflexe. Hierfür waren sie da. Mit einem mächtigen Satz sprang er um die Ecke und katapultierte sich aus der Hocke auf den vordersten Gardeur zu, der die nächste Granate gerade in den Raum werfen wollte. Nur dass es dazu nicht mehr kam. Seine kräftige Pranke fegte gegen den Hals, die verwundbare Stelle zwischen Helm und Körperpanzerung. Blut spritzte ihm ins Gesicht und die Granate rollte dem Mann aus der Hand durch die offene Wohnungstür in den Flur. Der letzte verbliebende Gardeur feuerte eine ungenaue Salve, die sein Schlüsselbein sowie die rechte Schulter durchschlug. Ein Brüllen drang aus seiner Kehle und er stürzte sich auf den Schützen, bereit ihm den Kopf von den Schultern zu reißen. Vorbei war die Klarheit. Ein dunkelroter Schleier legte sich über seine Wahrnehmung und wie von Sinnen hieb er auf den Mann ein, dessen Gegenwehr schon nach wenigen Augenblicken nachließ und schließlich vollständig verebbte. Die Explosion nahm er nur am Rande wahr. Zu dumpf waren die Eindrücke, die er unter Einfluss seines inneren Tieres wahrnahm. Die Einschläge der Splitter, die ihm die Brust aufschnitten. Die Druckwelle, die sich dutzendfach in den begrenzten Räumlichkeiten widerspiegelte und auch ihn ergriff und einige Schritte in den Raum warf.
„Lao Jiu?“ hörte er eine Stimme, wie durch einen Nebel an sein Ohr dringen. Zähnefletschend hob er den Kopf gen Schlafzimmertür und sprang auf die Beine, setzte unmittelbar zum Sprung an. Brüllend hetzte er in ihre Richtung, entgegen seinem Verstand, der ihm befahl, die Situation zu analysieren. Die Frau, die in der Tür stand, war keiner der Aggressoren. Im Gegenteil, sie hatte die Waffe zwar in der Hand, zielte jedoch nicht auf ihn. Und sie war nackt.

Er schüttelte den Kopf und ein aufgeregtes Schnauben entwich ihm bei der Bewegung. Doch es war zu spät. Er war bereits bei ihr und warf sich auf sie. Ihre Agilität überraschte ihn, als sie geschickt nach hinten abrollte und ihn mit Schwung über sich beförderte. Krachend landete er auf dem schon zerschmetterten Bett und dem toten Gardeur. Er schüttelte sich noch einmal. „Lao Jiu“ kam es energischer und er drehte sich vom Rücken auf den Bauch. Als er sich aufstützen wollte, gab sein ramponierter Arm nach und der Schmerz schoss ihm durch den Kopf, ließ das Tier in ihm wieder aufheulen. Den Kopf klar kriegen. Sie war keine Gefahr. Sonst hätte sie ihn schon angegriffen. Sie hat sich nur verteidigt. Die Gedanken hämmerten in seinem Schädel und drängten die Bestie, die er auch nach so vielen Jahren nicht richtig unter Kontrolle bekam, wieder zurück. „Ja“ antwortete er benommen und richtete sich auf. „Wir sollten gehen“ hallte ihr pragmatischer Vorschlag in den Raum. Er nickte und trat aus dem Geröllhaufen in den Raum, der einmal sein Wohnzimmer gewesen war. Langsam ließ er den Blick über das zerstörte Appartement wandern. Sein Blick blieb in dem schräg hängenden, halb zersplitterten Spiegel hängen, der einmal neben der Eingangstür darauf gewartet hatte, vor dem Ausgehen benutzt zu werden. Blut rann aus einer Platzwunde über seine Stirn. Das schwarze Fell, welches seine Augen umrandete und sie immer bedrohlich wirken ließ, schimmerte feucht. Das restliche weiße Gesichtsfell war ebenfalls blutgetränkt und seine Schnauze zuckte ob der Gerüche. Er knurrte und die Lefzen zogen sich kurz zurück, sodass seine Reißzähne zu sehen waren. Sein Blick wanderte wieder zu den toten Gardeuren. Als Justifier wusste man wenigstens, was einen erwartete. Tod und Verkrüppelung. In der Regel auf einem fremden Planeten, durch irgendein merkwürdiges Exowesen oder eine nicht bedrohlich wirkende Pflanze. Aber als freier Beta, als Wesen mit halbmenschlichem Status, war er genau das: Freiwild. Er kniete sich neben einen der Männer und schaute auf die Uniform. Auf der rechten Brust prangten ein stilisierter Schild und drei Blitze. United Industries. Wie war das möglich? Er stutzte und öffnete dem Mann die Klettverschlüsse auf der Brust, zog den Reißverschluss der Jacke auf. Die Erkennungsmarke lag wie eine Verhöhnung auf seiner Brust und lachte ihn aus. In der rechten, unteren Ecke des Metallplättchens war ein kleines rotes X über einem Schädel eingestanzt. Das Zeichen der Tracker von UI. Beta-Jäger. Verdammt. Hatten sie ihn wirklich wegen der Geschichte auf Kali Prime aufgespürt? Ihm fiel nichts anderes ein. Fast fünf Jahre war das her und niemand hatte herausbekommen, dass sie das Ancient-Artefakt hatten verschwinden lassen, obwohl sie United Industries zugesagt hatten, es ihnen zu überlassen und es eben nicht an seinen Heimkonzern - Fa Limited - zu übergeben. Mit einem Ruck zog er die Erkennungsmarke vom Hals des Mannes und umschloss sie mit der Faust.

Mao Xing trat derweil aus dem Schlafzimmer und hatte ihre Hotpants übergezogen, aus der hinten neckisch ihr Stummelschwänzchen herausragte. Sie streifte sich gerade das Top über und kam auf ihn zu, küsste ihn auf die blutige Wange. „Nette Nacht, ich hatte mich auf ein Frühstück gefreut“ sie lächelte und trat dann aus der Wohnungstür. Ihre Pistole steckte sie in ihren kleinen Rucksack, den sie sich über die muskulösen Schultern warf und dann verschwand. Er sah ihr nach und lachte bitter. Die einzigen Freuden, die man als freier Beta hatte, verblassten gegen die Nachteile dieses Lebens. Ein Leben, in dem kein Konzern mehr die schützende Hand über einen hielt.

Das Leben nach dem Buyback.


Erläuterungen

  1. Diese Kurzgeschichte wurde von Benutzer TecnoSmurf geschrieben und ist kein offizieller Kanon.

Quellen

Primärquelle für die Kurzgeschichte ist:

  1. JNU Underground Ausgabe 3
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