Kleinere Unregelmäßigkeiten

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Gordon Steiner schloss die Tür zu seinem Spind und nahm sich den kurzen Moment, um in den Spiegel zu schauen. Alles in bester Ordnung. Noch kurz den Sitz des Anzugs überprüft und das unnahbare „du kannst mir nichts, ich bin dein Boss“-Gesicht aufgesetzt, dann verließ er seinen Privatraum. Nur wenige Augenblicke Später passierte er die schwere Sicherheitsschleuse und war von den leisen Fiepgeräuschen der zahlreichen Holokonsolen umgeben, die den Raum der Central Security auf Gauss II ausstatteten. Acht Mitarbeiter waren zur Nachtschicht eingeteilt und der Atmosphäre im Raum zufolge lag derzeit kein Problem vor. Sein Blick blieb direkt an der einzigen außergewöhnlichen Gestalt hängen, die sofort durch ihre grüne Haut auffiel. Er hatte immer darauf bestanden, ausschließlich mit Menschen zu arbeiten und plötzlich, vor gerade einer Woche, teilten sie ihm einen Geckobeta zu. Einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Kommentar. »Soll das jetzt auch noch zum Zoo verkommen.« murmelte er leise vor sich hin, während er die Routineabfragen startete und sich vom zentralen Cube auf seine Netzhaut projizieren ließ. Kurz lag seine Hand auf der kleinen Metallfläche an seinem Handgelenk, die zu seinem Autoinjektor gehörte. Diesen würde er in einer solchen Nacht wohl kaum brauchen. Er drehte eine Runde und blieb hinter dem Chim stehen. Er konnte sich einfach nicht an die Anwesenheit einer solchen Kreatur gewöhnen. So genial das Ding auch im Umgang mit Überwachungssystemen sein mochte, an dieses schlurpende Geräusch, wenn er sich über die starr wirkenden Augen leckte, würde sich Steiner nie gewöhnen und er wollte es auch garnicht erst versuchen. Ein kaum hörbares Surren ertönte, als der Autoinjektor eine Mikrodosis applizierte, um den Körper leistungsfähig und den Geist aufnahmebereit zu halten. Jetzt sorgte dieses Zootier sogar schon dafür, dass der Injektor Handlungsbedarf sah. Crap. Die Zeit wollte und wollte nicht vergehen. Nach dem zweiundneunzigsten Schlurpen ließ sich Steiner zum achtzehnten Mal den unveränderten Systemstatus anzeigen. Eigentlich hatte er ja etwas anderes zu tun. Unerträglich. Dann fiel ihm aber etwas auf, das ihn hellhörig werden ließ. »Chesterton, gehen sie auf Kamera 12/05 zurück.« Der Benannte zuckte kurz zusammen und tat wie geheißen. Die Kamera zeigte einen leeren Gang. »Zeigen sie mir 12/03 und 12/05, letzte 30 Sekunden.« Finger schnellten über imaginäre Schaltflächen. Die 360° Aufzeichnungen erschienen im Cube. »Nochmal zurück, 13 Sekunden, Zoom auf das Viertel rechts oben.« Nochmal sah man die Aufzeichnung eines Mannes in Uniform, der um eine Ecke bog. Steiner sprang auf »Sofort Alarm auslösen, höchste Priorität, Verdacht auf Sabotage. Zugänge abriegeln!«, kam es im Stakkato aus ihm geschossen. Hektische Aktivität machte sich im Sicherheitsstab breit, die Lichtfarbe wechselte ins Bläuliche und fest einstudierte Abläufe bestimmten das Vorgehen. Nur Chesterton blickte verwirrt auf die beiden Kamerabilder. »Captain, ich verstehe nicht, was an der Aufzeichnung alarmierend sein soll.« Steiner packte Chesterton beim Kragen »Dann überlegen sie schonmal, was sie nach ihrer Entlassung tun möchten, Chesterton. Der Herr von Kamera 3 ist nicht auf Kamera 5 aufgetaucht. Es liegt also eine Manipulation vor und wir haben es mit einem internen Angriff zu tun.« Der Griff wurde fester, der Stoff knarzte. »Jetzt sorgen sie endlich dafür, dass die Subroutinen überprüft werden und decken sie das Sicherheitsleck auf.« Seine Worte kamen jetzt immer schneller aus seinem Mund geschossen, während der Injektor leise surrend seinen Dienst tat. »Schuster! Level 5 Diagnose. Bach! Kameralogs prüfen und Backtrack, bis sie den Loop finden. Und du ...« er zögerte »Grünling ... finde den verdammten Eindringling!« Entsetzt betrachtete er, wie die lange Zunge einmal die gesamte Breite des Mundes entlang fuhr, um dann Speichelfäden ziehend ein Auge anzufeuchten. Angewidert verzog er sich in die Holokonsole und ließ sämtliche Daten bei sich zusammen laufen »Wollen wir doch mal sehen, wo du steckst und was du in meinem kleinen wohlgepflegten Garten zu suchen hast.« Kaum mehr, als eine arbeitsintensive Minute verstrich, bis die scharrende, hohe Stimme des Geckobetas den Geräuschbrei durchschnitt. »Captain! Feed für sie!« Er schnickte ein Datenpaket zu Steiner und man konnte in einer Videoaufzeichnung im Zoom gerade so einen fellbedeckten Fuß und schwarz-violette Kleidung für den Bruchteil einer Sekunde erkennen, bevor sie durch eine Tür verschwanden. »Bist ja doch zu was gut!« Den abfälligen Kommentar hatte er sich nicht verkneifen können. Schnell wandte er sich aber wieder seiner Aufgabe zu »Okay, Eingrenzen. Team Blau: Ebene 28, Sektor A bis D sichern. Team Schwarz: Ebene 29, Sektor C. Team Gelb: Standby und höchste Wachsamkeit, wir versuchen ihn euch entgegen zu treiben. Wer auch immer das ist, ich will ihn in drei Minuten im Sack haben!« Voll konzentriert verfolgte er die Projektion des Hochhauses, in dem er sich befand und in der sich gerade einige farbige Punkte in Bewegung setzten. Wenige Augenblicke und Kommandos später gab es die erste Kontaktmeldung und gedämpfte Schüsse waren über die Lautsprecher zu hören. Die Meldungen und gebrüllten Kommandos explodierten förmlich, als zwei der Projektionspunkte zu kleinen roten Schädeln wurden. Etwas lief verdammt schief. Der Gegner wusste ganz genau, was er tun musste und wurde von keiner einzigen Kamera erfasst. Immer weiter verlagerte sich das Katz' und Maus Spiel in die höheren Ebenen, bis endlich eine Positivmeldung kam »Captain, Schwarz 3 und 4 hier! Wir haben einen bestätigten Treffer und kesseln den Feind auf dem Dach ein.« Steiner angelte sich den Videofeed von Schwarz 3 und 4 aus einer Ecke der Konsole und fixierte die kleinen Fenster vor sich. Wackelnd sah man, wie sich das Bild eine Treppe nach oben bewegte und gegen eine Tür prallte, die mit lautem Krachen aufsprang. Das Dach war zu sehen und endlich auch der Eindringling. Am Rand des Daches stand eine pelzige Kreatur in schwarz-violetter Kleidung, die verführerisch lächelnd ihre Fledermausflügel ausbreitete und sich nach hinten fallen ließ. Das Zielvisier eines hochgerissenen Sturmgewehrs bestritt ein verzweifeltes Rennen gegen die Ballustrade, hinter der das Ziel Zentimeter für Zentimeter zu verschwinden drohte – und verlor. Die Betafrau verschwand außer Sicht in der Nacht. Nur ein kurzes Flappen war zu hören, als sich die ausgebreiteten Flügel gegen die Schwerkraft stemmten. Hastig setzten Schwarz 3 und 4 nach, konnten aber nur noch erkennen, wie die Kreatur hinter einem benachbarten Hochhaus verschwand. »Schwarz 4 an Captain« Die Resignation in der Stimme brachte Steiner zur Weißglut. »Ziel außer Reichweite. Sie ist entkommen. Catch negativ. Ich wiederhole: Catch negativ.« Jetzt kamen auch die Meldungen der anderen Mitarbeiter. »Captain! Hier sind die Daten. Sie hat wohl etwas aus unserer R&D Abteilung kopiert. Irgendetwas über ein Forschungsprojekt auf Sand III«  »Keine weiteren Spuren bisher.«  »Hier auch nichts.«  Hochrot vor Wut und Hilflosigkeit riss Steiner den Injektor aus seinem Handgelenk und rammte ihn gegen die nächste Wand, zertrat die kläglich surrenden Bestandteile und ignorierte das Rinnsal von Blut, das über seine Hand lief. »Wer kam auf die beknackte Idee einen Fledermausbeta aufs Dach zu jagen!?!« Er hielt inne und wurde ruhig. Mit dem Rücken zu seinem Team setzte er an: »Okay. Grünling! Ich will sämtliche Informationen zu diesem Projekt! Was bringt jemanden dazu ein so riskantes Manöver zu fahren und die verdammte Head-Security von Gauss II zu infiltrieren!« Keine Antwort. Der Versuch sich zu beruhigen scheiterte und Steiner brüllte wieder »Verdammt, Bestätigung Grünling!« Jetzt erst schaute er zum Platz des Geckobetas. Der Stuhl war leer.

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