Rollenspiel vs. Abenteuerspiel

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Unterschiede zwischen Rollenspiel und Abenteuerspiel

In einem Beitrag für den Ulisses-Spiele-Blog erläuterte Christian Lonsing detailliert und nachvollziehbar, wo die Unterschiede zwischen diesen beiden Spielarten liegen:

Nach dem guten Erfolg des John Sinclair Abenteuerspiels geht die Ulisses Abenteuerspiel-Reihe nun mit Markus Heitz’ Justifiers in die zweite Runde. Aber was genau ist denn nun ein Abenteuerspiel, und was ist der Unterschied zwischen einem Abenteuerspiel und einem Rollenspiel? Diese Fragen wurde insbesondere auf der Spielmesse in Essen immer wieder gestellt und von mir bereitwillig beantwortet, bis meine Stimme so kratzig war wie ein Reibeisen. Und wie das so üblich ist bei vielen Wiederholungen, erlangt man mit der Zeit eine gewisse Routine, die dann noch ein paar Tage anhält, bevor sie wieder einrostet. Deshalb möchte ich nun das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist und in diesem Blog die Frage nach dem Abenteuerspiel in sorgfältig ausformulierter Weise beantworten.

Eines gleich vorweg: Wir haben den Begriff „Abenteuerspiele“ nicht einfach mal so aus Jux und Dollerei erfunden. Abenteuerspiele unterscheiden sich erheblich von normalen Rollenspielen.

Rollenspiele – und damit meine ich jetzt Tischrollenspiele, Pen&Paper Rollenspiele, ‘klassische’ Rollenspiele, aber wir sind hier ja unter uns – verfügen über eine Handvoll Eigenschaften, die sie gegenüber allen anderen Spielen einzigartig macht. Auf eine einzigartige Weise wundervoll, aber auch auf eine einzigartige Weise kompliziert.

In ihrem Kern dreht sich diese Einzigartigkeit um den Spielleiter. Er ist Drehbuchautor, Regisseur, Organisator und Schiedsrichter in einer Person, und übernimmt außerdem auch noch die Rollen sämtlicher Nebendarsteller und Komparsen. Wenn wir als Firma Ulisses Spiele ein Rollenspielabenteuer anbieten, egal ob für DSA, für Pathfinder oder für eine unserer zahlreichen anderen Rollenspielreihen, dann tun wir das in dem festen Wissen, dass wir 50 % der Verantwortung für einen gelungenen Spielabend direkt an den Spielleiter weitergeben. In den qualitativ hochwertigeren Abenteuern versuchen wir, ihm mit Tipps und Tricks so gut wie möglich unter die Arme zu greifen, aber selbst dann steht und fällt der Spielabend mit der Qualität des Spielleiters – und natürlich mit der Bereitschaft seiner Spieler, ihn bei seiner schwierigen Tätigkeit zu unterstützen.

Daran kann man überhaupt nichts ändern. Das ist der Preis für das Versprechen unbegrenzter Freiheit im Rollenspiel. Ganz egal wie einfach man die Regeln eines Rollenspiels gestaltet, die Aufgaben des Spielleiters bleiben immer die selben, und da liegt der Hase im Pfeffer. Wir haben einiges an einsteigerfreundlichen Rollenspielen versucht, und versuchen es weiter, aber diese Spiele richten sich in erster Linie an Leute, die bereits wissen, wie Rollenspiele funktionieren. Um völlige Neueinsteiger für uns zu gewinnen, oder ehemalige Rollenspieler ins Boot zurückzuholen, die sich irgendwann wegen dieser Spielleiter-Problematik vom Rollenspiel abgewendet haben, benötigten wir einen komplett neuen Ansatz.

Abenteuerspiele unterscheiden sich fundamental von normalen Rollenspielen. Wollte man ihre Aufgabe auf einen Punkt bringen, so würde dieser lauten: den Spielleiter komplett aus dem Spiel zu nehmen. Tatsächlich gibt es im Bereich der kooperativen Brett- und Kartenspiele schon einige, die dieses Ziel erreicht haben. Allerdings handelt es sich bei diesen eben um Brett- und Kartenspiele, so dass vom besonderen Flair des Rollenspiels dort nicht mehr viel zu verspüren ist.

Deshalb versuchen sich die Abenteuerspiele der Thematik aus einer anderen Richtung zu nähern. Sie stehen durchaus in der Tradition klassischer Rollenspiele und versuchen all die Elemente zu erhalten, die einen Rollenspielabend zu einem großartigen Ereignis machen. Gleichzeitig versuchen sie allerdings auch, die Fallstricke zu vermeiden, die echtes Rollenspiel mit sich bringt. Das man hierzu Kompromisse eingehen muss, versteht sich von selbst.

Erläutern möchte ich dies, indem ich ein typisches John Sinclair Abenteuer mit einem klassischen Dektiv-Rollenspielabenteuer vergleiche. Beim klassischen Abenteuer bekommt der Spielleiter eine Beschreibung der Örtlichkeiten, eine Beschreibung aller wichtigen Nichtspielercharaktere und eine Zeitleiste, in der beschrieben wird, was sich bis zum Beginn des Abenteuers ereignet hat und was sich voraussichtlich im Laufe des Abenteuers ereignen wird. Während des Abenteuers können die Spieler ihre Charaktere völlig frei bewegen, mit beliebigen Personen reden und beliebige Ermittlungen anstellen. Für den Spielleiter bedeutet dies, dass er sich das gesamte Abenteuer vor Spielbeginn gründlich durchlesen und sich Notizen machen muss. Außerdem muss er bereit sein, während des Abenteuers anhand der ihm zur Verfügung stehenden Informationen den Abenteuerablauf je nach den Aktionen der Spielercharaktere zu improvisieren. Je besser er vorbereitet ist, desto weniger Improvisation ist erforderlich, und umgekehrt. Völlig ohne Vorbereitung bzw. Improvisation wird er aber nicht auskommen, und die Summe von beidem ist in jedem Fall erheblich. Erledigt er seine anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour, dann kommen seine Spieler, und auch er selbst, in den Genuss eines einzigartigen Erlebnisses, wie es kein anderes Spiel jemals hervorbringen kann (mit Suchtfaktor!). Versagt er dagegen an irgendeiner entscheidenden Stelle, dann scheitert das Abenteuer, weil die Spieler eine bestimmte Spur nicht finden oder falsch interpretieren, oder sie erfahren an irgendeiner Stelle mehr als sie sollten und lösen den Fall vorzeitig.

Ein typisches John Sinclair Abenteuer beginnt üblicherweise mit rätselhaften Vorgängen, Geistererscheinungen oder verschwundenen Menschen. Dahinter steckt meistens ein Erzbösewicht, vielleicht ein mächtiger Vampir, ein Werwolf, eine Mumie oder ein Dämon. Die Handlung des Abenteuers ist vorprogrammiert, sie besteht aus einer Reihe von Szenen mit festem Ablauf, die in einer festen Reihenfolge hintereinander aufgereiht sind. In jeder Szene haben die Geisterjäger die Gelegenheit, mithilfe von richtigen Entscheidungen, erfolgreichen Würfelwürfen und dem geschickten Einsatz ihrer Fähigkeiten und Ressourcen mehr über die Ereignisse und den Bösewicht herauszufinden und dadurch Vorteile zu erlangen, die ihnen beim unweigerlichen Finale von Nutzen sein können. Zum Beispiel könnten sie in den Besitz eines Rituals gelangen, mit dem sich der Fluch des Dämons schwächen lässt. Treffen sie dagegen die falschen Entscheidungen, haben Pech beim Würfeln oder Verschwenden ihre Ressourcen unnötig, dann hat dies Nachteile zur Folge. Zum Beispiel könnten sie in den Hinterhalt einiger Schergen des Erzbösewichts geraten und dabei Ausdauerpunkte einbüßen, die im Endkampf nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber ganz egal, welche Entscheidungen die Geisterjäger treffen und wie ihre Würfelwürfe ausfallen, für alle diese Möglichkeiten gibt es im Abenteuertext einen entsprechenden Eintrag, der die Handlung fortführt. Die Handlung läuft also auf Schienen, hin und wieder gibt es mal eine Weiche, aber letztlich läuft die Handlung früher oder später wieder auf den Hauptstrang zurück und das Abenteuer setzt sich auf jeden Fall bis zur finalen Szene fort. Dort, im Endkampf gegen den Erzbösewicht, müssen die Geisterjäger dann ihre errungenen Vorteile nutzen, um die erlittenen Nachteile auszugleichen und mithilfe ihrer Fähigkeiten hoffentlich den Sieg davonzutragen. Denn wenn sie hier scheitern, dann haben sie das Abenteuer verloren. Es gibt also Spannung, und zwar bis zum Schluss.

Anhand der Länge dieses Blog-Beitrags dürfte klar werden, warum ich mich auf der Spielmesse heiser geredet habe. Wer jetzt immer noch mitliest und das auch noch mit Aufmerksamkeit, dem wird aufgefallen sein, dass ich bei der obigen Beschreibung des typischen John Sinclair Abenteuers kein einziges Mal das Wort „Spielleiter“ verwendet habe. Tatsächlich gibt es aber einen Spielleiter beim Abenteuerspiel. Wir bezeichnen ihn als „Erzähler“, weil sein Aufgabenbereich stark zusammengeschrumpft ist. Im Grunde besteht seine Aufgabe nur noch darin, seinen Spielern den Abenteuertext vorzulesen. Entscheiden sie sich an einer Kreuzung, nach links abzubiegen, dann liest er ihnen vor, was dort passiert. Entscheiden sie sich für rechts, dann liest er dort weiter. Müssen sie würfeln, so teilt er ihnen mit, welche Fähigkeiten gefordert sind, anschließend liest er ihnen den Abschnitt vor, der ihrem Würfelerfolg entspricht. In einem Kampf verhalten sich die Gegner nach einem festgelegten Schema, allerdings könnte es sein, dass die Geisterjäger bei Kampfbeginn nicht gut genug würfeln, um herauszufinden, welche Kampffähigkeiten ihre Gegner besitzen, so dass der Erzähler ihnen jeweils mitteilt, ob ihre Kampfwürfe erfolgreich sind oder nicht. So oder so muss der Erzähler aber niemals selber würfeln, alle Würfelwürfe werden von den Spielern durchgeführt!

Letzten Endes ist der Erzähler notwendig, weil es einen geben muss, der die gesamte Handlung kennt und den Spielern Stück für Stück offenbart. Er muss aber niemals improvisieren, weil alle Möglichkeiten im Abenteuertext aufgeführt und zudem so klar strukturiert sind, dass man sie sofort findet. Außerdem muss er sich theoretisch auch nicht vorbereiten, sondern kann das Abenteuer direkt aus dem Buch spielen, ohne es vorher gelesen zu haben. Ich sage „theoretisch“, weil es immer besser ist, sich vorzubereiten, wenn man die Möglichkeit dazu hat, das ist eine allgemeingültige Lebensweisheit. Aber selbst dann genügt bei Abenteuerspielen ein kurzes Überfliegen. Kein Vergleich mit den Mühen, die man für ein klassisches Rollenspielabenteuer auf sich nehmen muss.

Der einzige Abstrich, den man beim Abenteuerspiel konsequent gegenüber dem klassischen Rollenspiel machen muss, ist eine drastische Einschränkung der Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit der Spielercharaktere. Alle anderen Elemente, die ein Rollenspiel zu einem tollen Ereignis machen, gibt es auch beim Abenteuerspiel:

  • Interaktion mit Nichtspielercharakteren. Hierbei schlüpft der Erzähler in die Rolle des entsprechenden NSCs. Er bekommt Stichpunkte zur Darstellung des NSCs und zu den Informationen, die dieser besitzt. Und dann kann er ganz gemütlich mit seinen Spielern um den heißen Brei herumreden und dabei genau das Maß an gepflegter Unterhaltung betreiben, das den Spielern und ihm zusagt. Denn es geht hier nicht um Leistung. Die Spieler bekommen auf jeden Fall die Informationen und die Handlung läuft auf jeden Fall weiter. Jeder darf sich also unbekümmert auf die Darstellung seiner Figur konzentrieren. Oder eben auch darauf verzichten, wenn er möchte.
  • Interaktion untereinander. Die Spieler können sich nach Herzenslust in der Rolle ihrer Charaktere durchgehend oder situationsabhängig miteinander unterhalten. Direkte Konsequenzen für die Handlung hat dies nicht, denn dies sieht das Abenteuerspiel grundsätzlich nicht vor. Spielercharaktere, die sich gegenseitig dominieren, anfeinden, hintergehen, bestehlen oder umbringen, all das hat im Abenteuerspiel keinen Platz. Für solche Dinge muss man sich dem klassischen Rollenspiel zuwenden (das damit auch meist überfordert ist).
  • Powergaming. Wer Spaß daran hat, möglichst effiziente Charaktere zu basteln, der ist bei den Abenteuerspielen gut aufgehoben. Die Erschaffungsregeln bieten genug Hintertürchen für Powergamer. Und weil die Abenteuer so klar und geradlinig durchstrukturiert sind, kann man sie sogar mehrmals hintereinander spielen mit immer besser abgestimmten Charakteren, um ein noch besseres Endergebnis zu erzielen. Und das Tollste daran (jedenfalls für mich) ist, dass sich das Powergaming keineswegs nur um den Kampf dreht. John Sinclair verfügt beispielsweise über 13 Fertigkeiten und beim Design der Abenteuer haben wir streng darauf geachtet, dass jede davon im selben Maße gefordert ist. Wer also glaubt, auf Charisma und Intuition komplett verzichten zu können, dem steht eine böse Überraschung bevor.
  • Bedeutsamkeit und Spannung. Abenteuerspiele sind nicht zufällig generiert, sondern folgen einer detailliert ausgearbeiteten Handlung, bei der die Spielercharaktere stets im Mittelpunkt stehen. Ein komplettes Scheitern ist meist nur im Finale möglich, aber dennoch würde ich aus meinen bisherigen Erfahrungen mit Abenteuerspielen sagen, dass man dort mit mehr Niederlagen im Kleinen zu kämpfen hat als beim klassischen Rollenspiel. Denn das besondere beim Abenteuerspiel ist ja, dass alle Proben (wir nennen sie „Herausforderungen“) fest vorgegeben sind. Für Spielleitergnade gibt es auch gar keine Notwendigkeit, denn auch bei einem Fehlschlag läuft die Handlung auf jeden Fall weiter. Und gerade weil der Erzähler niemals in die Würfelwürfe eingreift und selbst auch gar nicht würfelt, erhöht sich die Spannung um einiges, denn der Spieler weiß: er steht allein auf weiter Flur mit nichts weiter als seinen Fähigkeiten und seinen Würfeln.

So, ich hoffe, mit diesem Blog-Beitrag zum allgemeinen Verständnis der Abenteuerspiele, insbesondere zu ihren erheblichen Unterschieden gegenüber klassischen Rollenspielen beigetragen und vielleicht auch so manchen Vollblut-Rollenspieler zu einer Proberunde inspiriert zu haben. Denn am Ende gilt natürlich wie bei allen anderen Spielen auch: einfach mal ausprobieren, denn danach weiß man auf jeden Fall, worum es geht und wie es funktioniert.

Quellen

  1. Justifiers-Spiele
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